Was 2014 wichtig wird –
im Gespräch mit dem Orakel von Freinsheim

Foresight als Kaffeesatzleserei? Weit gefehlt!

K. Christoph Keller, Gründer und Geschäftsführer von aveniture und Gründungsmitglied der Advanced Foresight Group über die Möglichkeiten und Grenzen der Zukunftsforschung und darüber, was uns 2014 erwartet.

Frage: Herr Keller, Sie sind Dozent an der Freien Universität im dortigen Masterstudiengang Zukunftsforschung. Sie bringen also anderen Menschen mit wissenschaftlichen Methoden bei, unsere Zukunft besser zu begreifen. Was also sind Ihre Vorhersagen für das Jahr 2014?

Keller: Die Zukunftsforschung versucht nicht, Vorhersagen zu treffen, sondern  befasst sich damit, welche Faktoren notwendig sind, um die Zukunft gestalten können. Vorhersagen sind sehr einfach möglich, beispielsweise, wenn es um physikalische Gegebenheiten geht, wie den Sonnenaufgang, den man Jahre und Jahrhunderte im Voraus erschreckend genau vorhersagen kann. Doch das bedeutet gleichzeitig auch eine vollkommene Machtlosigkeit, denn die Bahnen der Planetensystem zu ändern, geht noch nicht und auch wird auch noch lange Zeit nicht möglich sein. Und je mehr Einfluss Menschen, Akteure und Wettbewerber in einem Markt haben auf einen Faktor, desto weniger kann man prognostizieren. Denn wir gehen davon aus, dass der Mensch einen freien Willen besitzt und eben versucht – und sehr erfolgreich versucht – Zukunft zu gestalten. Da wird Vorhersehbarkeit sehr schwierig! Ganz besonders schwierig wir dies bei Innovationen. Eine Erfindung vorherzusagen hieße, die Erfindung quasi schon vorwegzunehmen. Da sind Grenzen und da haben die Zukunftsforscher Methoden entwickelt, um mit solchen Erkenntnisgrenzen – also unvollständiger Erkenntnis, was die Zukunft betrifft – umzugehen und dabei noch sinnvolle Aussagen machen und in die Gestaltung umsetzen zu können. Insofern sind wir mit Prognosen etwas vorsichtig.

Frage: Gibt es dann also für Sie Faktoren, die in 2014 wichtig sein werden, Zukunft gestalten zu können?

Keller: 2014 werden wir auf jeden Fall erleben, dass die Institutionen sich mehr und mehr damit befassen, die Finanzwirtschaft wieder einzufangen. Das ist eine ganz normale Entwicklung nach einer Finanzkrise, dass Regulierungsmechanismen zum Tragen kommen, die verhindern, dass so eine Krise noch einmal eintritt. Und es dauert dann auch ca. 30 Jahre bis so etwas wieder passiert.

Auf technologischer Seite erleben wir vielleicht den Durchbruch bei Technologien, die auf Quanteneffekten beruhen. Irgendwann ist es dieses Jahr wohl noch soweit. Auf der anderen Seite sehen wir sehr viele inkrementelle Veränderungen. Wir sehen, dass Informationstechnik in viele andere Technologien einsickert und diesen neue Fähigkeiten beschert. Auch hierbei handelt es sich aber um einen völlig normalen Vorgang im Rahmen der Technologieevolution, dass neue Technologien die alten „aufhübschen“.

Die Ingenieure arbeiten kontinuierlich an der Verbesserung von technischen Systemen. Das ist auf das Jahr nicht besonders auffällig, aber auf zehn Jahre gesehen dann wahrscheinlich schon. Wenn wir z.B. die Fuel Efficency, also den Verbrauch von Treibstoff bei Verkehrsflugzeugen nehmen, wie da die Kosten pro Passagierkilometer gesenkt wurden. Oder auch den Verbrauch bei Kraftfahrzeugen, wo mit Verbrennungsmotoren eine große Ersparnis erzielt wurde einfach durch Down-Sizing und Leistungssteigerung. Das sind große Veränderungen, aber sie passieren langsam. Deswegen verlieren wir sie oft aus dem Blick. Dabei lassen sie sich häufig  erstaunlicherweise relativ gut vorhersagen, weil es z.B. im Halbleiterbereich Roadmaps gibt. Mit diesen koordiniert sich die Industrie, um die riesigen Investitionen leisten zu können, die für die neue Generation Halbleiter notwendig sind. Viele davon sind festgeschrieben und werden nicht vorhergesagt, denn wir wissen ungefähr, was auf uns zukommt in der Realisierung – alles geschieht nach Fahrplan.

Frage: Welche Branchen finden Sie in den nächsten 12 Monaten besonders spannend und beachtenswert?

Keller: Es sind auf jeden Fall die Finanzdienstleister gefordert, vieles an Glaubwürdigkeit wiederherzustellen. Wir haben auch einen massiven Veränderungsdruck durch Digitalisierung online etc. Sicher auch interessant ist die komplette Branche der Ingenieursdienstleister, die nicht so im öffentlichen Interesse steht. Es findet ja sehr viel Konstruktion, Entwicklung und Forschung gar nicht mehr in den großen und mittleren Unternehmen statt,  sondern wird zu diesen Dienstleister ausgelagert. Und diese haben nun einen großen Veränderungsdruck, dem sie nur ungenügend nachkommen. Da wird sehr viel geschehen, vor allem im Automobilbereich.

Die Branchen haben ein Innovationsdefizit, wenn man sich den Umsatz von neuen Produkten ansieht. Auch haben wir ein recht intensives Gründungsgeschehen. Dort kommt zusätzlich Druck hinzu, weil viele junge Menschen sich selbständig machen und auch oft keine schlechte Qualität liefern und auf der anderen Seite die Preise drücken. Die Chemieindustrie und Elektroindustrie unterliegen relativ starken Veränderungen. Vor allem Chemie und Pharma haben in ihrer Handlungsfähigkeit Nachholbedarf.

Vielen Dank, Herr Keller und viel Erfolg im jungen Jahr 2014!

Interviewer: Alexander Benatar

Fotograf: Andreas Böttcher, Frankfurt am Main